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Fahrbericht Kia Stinger GT: Kabellos glücklich

Attila Langhammer

27 März. 2021

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Fast überall wird mit quasi-religiösem Eifer dem Goldenen Kabel gehuldigt – und dann kommt Kia und haut mit dem Facelift des Stinger GT so ein richtig ketzerisches Fossil-Mobil raus, das beim Fahren alle Sinne anspricht

(Fotos: Kia)

Der Kia Stinger GT ist ein Auto das viel zu wenige Autofans kennen; oder über das so mancher der es kennt vielleicht nur milde lacht. Dabei ist die 366 PS/510 Nm starke Sportlimousine durchaus ein ernstzunehmender Konkurrent in ihrem Umfeld – das besteht im großen und ganzen vor allem aus Audi S5 Sportback und BMW 4er Gran Coupé; wenn Du willst, kannst Du noch die Limousinen von Jaguar XE (nur Vierzylinder-Motoren) und Mercedes-Benz C-Klasse dazu zählen. Und diese vier Kandidaten steckt der Stinger in puncto Höchstgeschwindigkeit zunächst mal in den Sack. Denn der Stinger GT läuft immer 270 Sachen, bei den anderen ist, wenn überhaupt möglich, eine aufpreispflichtige Vmax-Anhebung nötig.

Und mit 3342 Kubikzentimeter Hubraum düpiert der Stinger seine Klassenkameraden gleich nochmal – von denen knackt keiner die Dreiliter-Marke.


Den diesel-drögen S5 mit lahmem Aktuator-Knurren kocht er zudem auch akustisch locker ab.

Aber das ist noch nicht alles, was der Kia gegen die politisch erzwungene Fahrspaßdiät ins Feld führt. Bemerkenswert erscheint mir auch, dass mit dem sehr milden Facelift Ende 2020 die beiden Vierzylinderversionen – ein kleiner Benziner und ein Diesel – aus dem Programm genommen wurden. Dahinter steckt natürlich wirtschaftliches Kalkül, im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nämlich 91 Prozent oder knapp über 400 Fahrzeuge mit dem edlen V6-Aggregat 3.3 T-GDI verkauft; die Nachfrage nach den anderen Varianten war marginal.

Die einzige äußerliche Veränderung, die mit dem Facelift einhergeht, ist eine Überarbeitung der Rücklichtgrafik. Den vielleicht bekannten Reflektorstreifen zwischen den beiden Rücklichtern ersetzt jetzt ein schmales LED-Lichtband. Und das sieht schick aus, wenn gleich die Idee keine neue mehr ist.



So fährt der Kia Stinger GT mit 366 PS


Und wenn Du diesen Lichtstreif vor Dir fahren siehst, dann kannst Du sicher sein, dass der Fahrer im Stinger GT insgesamt eine gute Zeit hat. Der Klang des V6 ist sexy, wenngleich etwas turbodumpf. Der Ottopartikelfilter straft den Stinger GT akustisch nicht so hart, wie erwartet. Und wenn Du mehr auf die Ohren willst, dann steht als eines der wenigen Extras eine Sportabgasanlage mit Klappensteuerung für 2599 Euro in der Preisliste.

Dazu leistet sich das Fahrwerk einen ordentlichen Restkomfort, der auch in Sport+ – dem extremsten der fünf Fahrmodi – nicht gänzlich eliminiert wird. Komfort heißt aber auch, dass dem Stinger die Direktheit, die die gesamte Konkurrenz bietet, leider etwas abgeht. In Kurven erlaubt sich das Fahrwerk zudem ein wenig zu viel Seitenneigung, reduziert auch da ein wenig die Sportlichkeit. Die eigentlich tadellose Achtstufenautomatik verzichtet ebenso auf eine allzu sportive Herangehensweise, da sind die Sportprogramme der Konkurrenz etwas bissiger.

Überraschend ist hingegen, wieviel Vertrauen der leicht hecklastig ausgelegte Allradantrieb vermittelt. Auf einem längeren Handlingparcours konnte ich mir gut die Limits des Fahrzeugs erarbeiten. Einziges Manko: die etwas taube Lenkung vermittelt recht wenig von dem, was die Vorderräder machen, hier hörte ich den Drang zur Gleitreibung bevor mich das Lenkrad über die Radienmüdigkeit der Vorderräder informierte. Auf Autobahn und Landstraße macht der Stinger eine deutlich bessere Figur als auf dem harten Rundkurs.


Umfangreiche Ausstattung im Stinger GT


Im Innenraum hatte ich ansonsten nix auszustehen. Der Ausstattungsumfang zum Listenpreis von 57.900 Euro ist mindestens üppig, umfasst Voll-LED-Scheinwerfer, Head-up-Display, einen adaptiven sowie smarten, Navi-gestützten Tempomat, Sitzkühlung vorn sowie Sitzheizung auf vier Plätzen, (nur eine) Zweizonenklimaautomatik, Harman-Kardon-Audiosystem mit 15 Lautsprechern und natürlich auch einen großen bunten Infotainmentschirm inklusive UVO-Connect, einem Paket, das via Telefonapp den Zugriff auf Fahrzeugfunktionen ermöglicht.

Die serienmäßigen Nappaleder/Lederimitat-Sitze sind bequem und vielfältig einstellbar, auch die Sitzposition ist sportlich. Sobald der Drehregler auf der Mittelkonsole auf Sport gestellt wird, schnüren Dich die Polster zudem fest ein. Das vermittelt ein gutes und (sitz-)sicheres Gefühl. Auf Wunsch und für 490 Euro Aufpreis kannst Du auch Velourslederbezüge mit roten Nähten sowie roten Sicherheitsgurten wählen.

Kameras stellen den toten Winkel dar, eliminieren ihn sozusagen. Zum darin "versteckten" Kia Sorento gibt's auch einen Fahrbericht


Fazit


Für meinen Geschmack könnte der Stinger GT ruhig noch etwas sportlicher sein. In den Punkten Fahrwerk und Lenkung hat die Konkurrenz das attraktive Quäntchen mehr zu bieten. Aber mit seinem Antriebsstrang inklusive ordentlich Hubraum bietet er eine echte Alternative, die dazu noch Exotenbonus garantiert. Dazu kommt er quasi vollausgestattet daher. Und Kias Mut, solch einen Wagen rauszuhauen, sollte eigentlich auch belohnt werden. Denn das Zeitalter der Fahrspaßverdammnis macht die Existenz solcher Autos zunehmend schwieriger und es würde mich nicht wundern, wenn der Kia Stinger GT bald auf seinen letzten Stint geht.

Bremboanlage auf 350/340-mm-Scheiben (vorn/hinten) bringt den mindestens 1858 Kilo schweren Stinger zum Stoppen


Kann auch quer – das erfordert dann aber eine harte Hand am Lenkrad

Attila Langhammer

27 März. 2021